Wenn nur noch die Dankbarkeit übrig bleibt

Ein Gebet aus dem Kirchgesangbuch:

„Gott, mein Gott, wie kurz bemessen war die Zeitspanne von meiner Kindheit bis zum heutigen Tag! Wie nahe zusammengerückt sind die Jahre meines Lebens in meiner Erinnerung! Mir ist, als hätte ich alles durchmessen, was Menschendasein ausmacht: Freud und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, Geborgenheit und Verlassensein, Sinnerhelltes und Unbegreifliches, Angst und Vertrauen. Was bleibt, wenn ich alles überschaue, ist die Dankbarkeit für alles Schöne, für alles, was gelang, aber auch für Ungeheiltes, für Bestürzung über manches Versagen. Doch wie die Abendsonne alles in ihr mildes Licht taucht, so legt sich über das Gewesene der tröstende Glanz des Friedens. Mit dir gehe ich Hand in Hand in die Dämmerung, die nun herabsinkt, dem Licht entgegen, dem keine Dunkelheit mehr sich nahen kann.“

Alleine sitze ich in der Kirche und geniesse die unendlich scheinende Ruhe. Nach einer gewissen Zeit öffne ich das Kirchengesangbuch und lande bei diesem Gebet. Es fasziniert mich, berührt mich, es wird zu meinem eigenen Gebet. Das ganze Leben wird auf einmal zu einem Gebet, wird eingeschlossen in seine Hand, die mich in sich aufnimmt mit aller Freud und allem Leid. Nichts bleibt liegen, alles wird vollendet in diesem Licht, dem keine Dunkelheit mehr sich nahen kann. Dank sei Gott. Amen!