Gott wohnt in den verletzten Räumen deines Lebens

Paulus spricht davon, dass wir den Schatz der göttlichen Liebe in irdenen Gefässen tragen (in unserem Körper). Nur wenn wir uns dieser Zerbrechlichkeit immer wieder bewusst werden, und sei es durch die schmerzliche Erfahrung von körperlichen oder seelischen Verletzungen, Niederlagen und Verlusten, können wir die Wahrheit unserer Existenz leben: Dass nämlich das Übermass der Liebe, das wir brauchen, einzig von Gott kommt. Dass unsere Kraft begrenzt ist und wir auf die grenzenlose Kraft angewiesen bleiben, die uns von Gott her zufliessen kann.

Es waren vor allem die Gebrochenen und Verletzten, die sich für diese Botschaft Jesu empfänglich zeigten. Die Sünder, die Randexistenzen, die Kranken mit ihren Gebrechen, die Ausgestossenen, sie konnten sich von Jesus berühren und heilen lassen. Denn sie haben ihre Wunden, ihre verletzten Räume nicht zugepflastert oder beschönigt, sondern sie offengelegt und seinen heilenden Händen hingehalten.

Von Leonhard Cohen stammt der Song „Anthem“ (Hymne). Darin heisst es u. a.: „There is a crack in everything. That’s how the light gets in.” Das heisst: „Es geht ein Riss durch alle Dinge. So aber fällt ein Licht hinein.“ Wir sind nicht vollkommen, sondern zerbrechlich. Durch unsere Bruchstellen fällt jedoch Licht in unser Inneres. Unser verletztes Herz gleicht bisweilen einem kalten Kellerraum, der dunkel und verschlossen scheint. Aber durch die Risse fällt manchmal ein Lichtstrahl in den dunklen Raum. Durch die Risse und Bruchstellen unseres Lebens kann ein Schimmer in unser Herz fallen. Gottes Liebe dringt in unsere innersten Dunkelräume, in die verletzten Räume unseres Lebens. Dann sind wir dort nicht mehr allein. Wir spüren die Gegenwart von Licht und Wärme, die uns von Gott her zufliessen.

Daher müssen wir unsere Bruchstellen nicht kitten oder zukleistern. In der Archäologie gilt der Merksatz: „Halte dir Bruchstellen heilig!“ Wenn Archäologen ein Fragment einer Vase oder Statue finden, so könnte man auf die Idee kommen, dieses Fragment abzuschleifen, damit es nicht so hässlich ausgefranst aussieht. Doch vielleicht findet man ja irgendwann einmal das fehlende Stück, das sich dann wie ein Puzzle-Teil anfügt. So müssen auch wir unsere Bruchstellen heilig halten, denn Gott selbst zeigt sich als das fehlende Teil. Er erweist sich als der Heilige, der uns heil macht. Die wunde Stelle wird sogar zum Erkennungsmerkmal: Die Jünger erkannten den auferstandenen Herrn an seinen Wundmalen – und als er das Brot mit ihnen brach als Zeichen des zerbrochenen Leibes.