Die erbarmende und rettende Liebe deckt alle Verfehlungen zu

Das Spezifikum der Vergebung besteht – bildhaft gesprochen – darin, dass der Vergebende zwar die Verletzung sieht und spürt, aber zugleich durch die Tat hindurch den Menschen ansieht und ihn von seinen Verfehlungen unterscheidet. Der Mensch, der vergibt, nimmt die Verfehlung nicht weniger ernst als der, der vergilt oder nachträgt, aber er unterscheidet zwischen der Verfehlung und dem, von dem sie ausging, und lässt die Beziehung zu dem Menschen für sich wichtiger sein als die Beziehung zu der Verfehlung.

Was geschieht mit der Verfehlung, die durch die Liebe zugedeckt und dadurch – verglichen mit der Person – als unwichtig bewertet wird?

Was sagt der christliche Glaube über den Kreuzestod Jesu Christi? Durch seinen Tod ist der Schuldbrief getilgt … und an das Kreuz geheftet. Er ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Mit diesen unterschiedlichen Bildern (es gibt noch mehr) wird jeweils metaphorisch ausgesagt, dass durch das Leiden und Sterben Jesu Christi die Sünde des Menschen nicht nur vorläufig zurückgestellt, sondern von Gott her endgültig überwunden wird, so dass sie den Menschen nicht mehr von Gott zu trennen vermag.

Im Leiden und Sterben Jesu Christi erweist sich die Liebe als diejenige alles bestimmende Wirklichkeit, die auch noch ihr eigenes Verleugnet- und Verratenwerden umfängt und es so – ohne es zu bagatellisieren – überwindet. Dabei ist es entscheidend, dass der mit Verleugnung und Verrat verbundene Schmerz nicht durch einen Akt der Vergeltung dem Sünder ,zurückgegeben‘ wird, sondern dass Gott in Jesus Christus diesen Schmerz in sich ,verarbeitet‘ und erleidet.

In diesem Sinne kann gesagt werden, dass Gott selbst, dessen Wesen Liebe ist, in Jesus Christus die Sünde der Welt (die letztlich immer Verfehlung der Liebe ist) auf sich nimmt, trägt, erduldet und auf diese Weise vergibt.