Himmel auf Erden

In einem Trauergespräch habe ich dem Ehemann die Frage gestellt: ‘Was haben Sie an Ihrer Frau besonders geschätzt?’ Er antwortete ohne eine Sekunde zu überlegen: ‘Alles. Sie ist für mich vollkommen gewesen!’ Himmel auf Erden. Und dann ergänzte er: ‘Das heisst nicht, dass wir keine Meinungsverschiedenheiten oder auch Streit gehabt haben. Aber wir haben beide auch nachgeben können.’ Immer noch Himmel auf Erden.

Er hat an ihr das Vollkommene gesehen, das vollkommen Liebenswerte. Nichts konnte das trüben, auch nicht Meinungsverschiedenheit. In der Meinungsverschiedenheit sehe ich das Original im Du.    

Lebensqualität

Was ist Lebensqualität? König David benutzt im berühmten Psalm 23 das Bild eines guten Hirten, der sein Leben riskiert und im Notfall gibt, damit die Schafe am Leben bleiben.

Gott als einen guten Hirten zu erleben, bedeutet höchste Lebensqualität. Ein paar Sätze aus der Dichtung Davids. 

‘Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir mangeln. Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Ja, Güte und Gnade werden mir folgen mein Leben lang und ich werde heimkehren in das Haus des Herrn immerdar.’

Welch Vertrauen und damit verbunden welche Lebensqualität und Freiheit. Daraus entsteht dieses Glaubensbekenntnis, ein Lebensbekenntnis. Vertrauen, welches grösser und beständiger ist als Angst.

Oder in den Worten von Eugen Drewermann (Theologe und Psychoanalytiker) ausgedrückt: ‘Wenn ich nicht mit mir identisch bin, kann ich nicht frei genannt werden. Freiheit ist das Ergebnis einer Selbstidentität, eines Reifungsprozesses und eines Vertrauens. Wir werden nur mit uns einig in einem Vertrauen, welches die Angst besiegt.’

Er-lebt

Wir können etwas Wunderbares hören, ja sogar davon erzählen, ohne es erlebt zu haben. Das Erleben ist die höchste und zugleich tiefste Wandlungsstufe.  

Ein Beispiel dazu erzählt uns Monika Renz in ihrem Buch: Meine Hoffnung lass ich mir nicht nehmen.

‘Gott ist hinterhältig, sonst gäbe es nicht so viel Leid in der Welt, und ich hätte nicht diesen Krebs’. Dieser Worte gaben die Einstellung einer evangelischen Katechetin wieder. Ihr Schlüsselerlebnis hatte sie an jenem Tag, an dem sie ihr Augenlicht fast vollständig verlor: In dieser Situation tat es ihr gut, an Händen und Bauch berührt zu werden. Sie spürte, wie das Bett und der Boden sie trugen. Wie ich beiläufig sagte: ‘Vielleicht ist es auch Gott, der Sie trägt’, quollen Tränen hinter ihren Augenlidern hervor und sie antwortete leise: ‘Ja’. Ich fuhr fort: ‘Vielleicht ist Gott, auch wenn Sie fast blind sind, unsichtbar da wie eine grosse tragende Hand, wie es bei Jesaja beschrieben ist: eingezeichnet in seine Hände.’ Sie atmete tief. Dann Musik, Stille. Plötzlich brach es aus ihr heraus: ‘Es ist unbeschreibbar, Gott trägt mich wirklich! Unglaublich. Immer hat man uns Theorien von Gott erzählt. Und ich selbst habe jahrelang so von Gott geredet. Dann kam der Krebs und das Gefühl, alles sei Betrug. Aber jetzt habe ich ihn erlebt.’

Urvertrauen und Urangst

Am Anfang war das Urvertrauen. Erst der Vertrauensbruch brachte die Angst hervor. Die Urangst. Seitdem gibt es sie beide. Noch heute sprechen Menschen von einem Urvertrauen, welches sie begleitet. Sie drücken damit aus: Es war von Anfang an da, es ist stark, es trägt. Auf der anderen Seite kennen wir sie alle: Die Angst, welche sich meldet als eine Folge von einem gebrochenen Vertrauen.

Ein eindrückliches Beispiel liefert uns die Rapperin Shirin David. Sie war in der Jury von The Voice of Germany. Sie hörte das Lied von Rouven Gruber und sagte: ‘Vor einiger Zeit habe ich mir ganz fest vorgenommen: Ich glaube niemals irgendeinem Mann, was er mir erzählt, aber dir habe ich alles geglaubt. Jedes einzelne Wort habe ich dir abgekauft.’

Sie hat ein Lied gehört, eine Stimme, welche ihr das Urvertrauen zurückbrachte, welches stärker ist als alle Brüche in unserem Leben. Es führt uns zu unserem Ursprung zurück, dorthin, wo wir bedingungslos vertrauen können, weil wir bedingungslos geliebt sind.

Verwandlung

Verwandlung unterscheidet sich von Veränderung. Bei einer Verwandlung geht es darum, dass es etwas so sehr in mir ist, so sehr inwendig ist, dass es mich im Innern erfüllt und nach aussen hin ausstrahlt. Jede Verwandlung wird Veränderung mit sich bringen, aber nicht jede Veränderung zieht eine Verwandlung nach sich.

Veränderungen wirken eher von aussen nach innen. Wenn ich an mir etwas verändern will, dann liegt dem ein Bild zugrunde, dass etwas an mir, etwas in mir nicht gut ist – und dass ich es deswegen verändern will und muss.

Verwandlung ist dagegen ein sanfter Prozess, der von innen nach aussen wirkt. Ich kann nur  verwandelt werden – ich kann mich nicht selbst verwandeln. Bei der Veränderung steht das Machen im Vordergrund, bei der Verwandlung ist mein aktiver Teil das Zulassen der Verwandlung, ein organischer Prozess, der etwas mit Wachsen zu tun hat.

Glaube will weniger unsere Veränderung als vielmehr unsere Verwandlung. Es geht um ein Zulassen statt um ein Machen. So sagt Jesus zu seinen Jüngern auch: ‘Bleibt in meiner Liebe!’ Es geht nicht darum, erst etwas zu tun, um von ihm geliebt zu werden, es geht nicht darum, sich erst in seine Liebe hineinzubegeben – wir sind längst in seiner Liebe aufgehoben. Wir brauchen nur darin zu bleiben, uns darum zu bemühen, nicht aus seiner Liebe herauszufallen.

Auf die Forderung, sich verändern zu sollen, reagieren Menschen oft (zu Recht) negativ und mit Trotz. Verwandlung, das ist immer nur Einladung, auf die man ‘Ja’ oder ‘Nein’ sagen kann. Glaube will die Verwandlung unserer selbst, das Eigentliche in mir soll werden, soll wachsen. Gott tut das Eigentliche an mir in seiner Liebe und durch seine Liebe. Liebe verklärt und verwandelt. So wie Gott mich geträumt hat, soll und darf ich sein.

Verlassenheit

‘Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?’, hat Jesus am Kreuz im Leiden, im Sterben zu seinem Vater im Himmel gebetet. In Jesus Christus stellt sich Gott auf die Seite der Menschen, die verlassen, verloren sind, unter ihrer Einsamkeit leiden und zugrunde gehen. Er breitet seine Arme aus und umfängt die dunkelsten, einsamsten Menschenorte.

In Jesus dem Verlassenen hat sich Gott alles Leid, allen Schmerz, jedes Sterben zu eigen gemacht. Nicht nur das Menschsein hat Gott sich zu eigen gemacht, sondern auch alles Lebenshindernde und Lebensfeindliche. Jesus nahm nicht nur die Sünde (Gottlosigkeit) auf sich, er wurde zur Sünde gemacht, er wurde gottlos, damit alle Sünde, alle Gottlosigkeit in ihm ein Ende findet. Jesus der Verlassene ist der Berührungspunkt mit jedem Menschen und der ‘Bräutigam des letzten Sünders’. Er ist die ‘schiefe Ebene’, die zu jedem Menschen führt, in welchen Tiefen er sich auch befindet.

Die Präsenz Gottes kommt durch Jesus dem Verlassenen in alles Verlassene und Verlorene hinein und bekleidet es mit dem Mantel seiner Liebe. Jesus wird in dem Verlassenen ‘Gott alles in allem.’ So gibt es keinen Ort mehr auf dieser Welt, wo Gott nicht ist. Er ist der immer und überall Seiende.

Gottes Reich

Wenn ich am Morgen aus dem Fenster schaue, dann sehe ich einen grossen Baum, der auch im Winter seine Blätter trägt. Ich sehe zwei Vögel, die jeden Morgen kommen und zuoberst auf einem Ast sitzen.

Dieser Blick erinnert mich an das Gleichnis vom Senfkorn. Jesus sagte: ‘Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern. Sobald es aber hochgewachsen ist, ist es grösser als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.’

Das Reich Gottes beginnt unscheinbar wie ein Senfkorn. Doch es wächst und wird zu einem Baum, an dem die Vögel sich freuen und ihr Zuhause finden. Das ist ein wunderschönes Bild für das Reich Gottes, wie es jeden Tag wächst und es nimmt die Worte Jesu auf, wo er sagt: ‘Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Ich gehe euch voraus, um euch eine Wohnung zu bereiten.’

Reich Gottes bedeutet Wohnen. Sicher wohnen. Zu Hause sein. Geborgen sein. Gehalten sein. Ewig von Gott umgeben sein.  

Die Vision Jesu

,Unser Vater im Himmel, dein Reich komme!’ Ein Reich in den Händen eines liebevollen, zärtlichen Vaters. Jesus spricht vor Gott aus, was er sich für diese Welt ersehnt: Die Menschen entdecken und erfahren Gott als ein Abba (= Zärtlichkeitsform von Vater) und die Charaktereigenschaften dieses Gottes, welche in jedem Menschen als sein Abbild angelegt sind, erwachen immer mehr zum Leben. So kommt und erfüllt sich sein Reich. Das ist die grosse Vision, das grosse Herzensanliegen Jesu für eine geschundene, von Vorurteilen, Verurteilungen und von Gewalt gequälte Welt. Einmal wird Gottes Reich in vollendeter Gestalt sichtbar sein. Dann wird keine Minderwertigkeit, kein Leid, kein Geschrei, kein Tod mehr sein. Dann wird Friede sein, Liebe ohne Unterlass, Freude und Staunen ohne Ende. Jesus spricht das aus vor seinem Abba-Gott, weil er darin ganz mit ihm eins ist und gleichzeitig gibt er dieses Gebet an seine Freunde weiter und macht sie dadurch zu Teilhabenden und Anteilgebenden dieses Reiches.   

Unterdrücken oder ausdrücken

Im ersten Kapitel des Evangeliums nach Johannes heisst es: ‘Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden. In ihm war das Leben. Und das Wort ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.’

Gott hat sich durch Jesus Christus ausgedrückt und wir haben empfangen, Gnade um Gnade. Er hat auch uns ausdrucksvoll geschaffen. Wie wunderbar für alles, was ausgedrückt wird, für alles, was den Raum des Herzens verlässt und das Licht der Welt erblickt. Die Welt braucht Orte, wo alles ans Licht kommen darf, Freud und Leid. Orte, wo man sich nicht genieren muss, sondern wo Worte gut aufgehoben sind, aufgenommen und umschlungen werden. Daraus kann neues Leben entstehen. Da wird Leben gestaltet und der Mensch nimmt neue Gestalt an.

Durch und durch erkannt und geliebt

Gott schaut dich, wer immer du seist, so wie du bist, persönlich. Er ruft dich bei deinem Namen. Er sieht dich und versteht dich, wie er dich schuf. Er weiss, was in dir ist, all dein Fühlen und Denken, deine Anlagen und Wünsche, deine Stärke und deine Schwäche. Er sieht dich an deinem Tag der Freude und an deinem Tag der Trauer. Er fühlt mit deinen Hoffnungen und Prüfungen. Er nimmt Anteil an deinen Ängsten und Erinnerungen, an allem Aufstieg und Abfall deines Geistes. Er umfängt dich rings und trägt dich mit seinen Armen. Er liest in deinen Gesichtszügen, ob sie lächeln oder Tränen tragen, ob sie blühen in Gesundheit oder welken in Krankheit. Er schaut zärtlich auf deine Hände und deine Füsse. Er horcht auf deine Stimme, das Klopfen deines Herzens, selbst auf deinen Atem. Du liebst dich nicht mehr als er dich liebt.

John Henry Newman, Kirchenlehrer und Kardinal