Gott ist da

Gottes ‚ICH BIN DA‘ in den Worten von Paul Weismantel

In das Dunkel deiner Vergangenheit und in das Ungewisse deiner Zukunft, in den Segen deines Helfens und in das Elend deiner Ohnmacht lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

In das Spiel deiner Gefühle und in den Ernst deiner Gedanken, in den Reichtum deines Schweigens und in die Armut deiner Sprache lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

In die Fülle deiner Aufgaben und in die Leere deiner Geschäftigkeit, in die Vielzahl deiner Fähigkeiten und in die Grenzen deiner Begabung lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

In das Gelingen deiner Gespräche und in die Langeweile deines Betens, in die Freude deines Erfolges und in den Schmerz deines Versagens lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

In die Enge deines Alltags und in die Weite deiner Träume, in die Schwäche deines Verstandes und in die Kraft deines Herzens lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

Reduce to the max …

… oder von der Kunst das Wesentliche auf den Punkt zu bringen.

Jesus wird von einem Juden gefragt, welches das wichtigste Gebot sei (es gibt mehr als 600 Gebote im Judentum). Wie wird Jesus antworten? Welches Gebot stellt er an den Anfang? Keines! Jesus macht etwas ganz anders. Er bringt das Wesentliche der vielen Gebote auf einen Punkt. Er konzentriert sich auf das Übergeordnete: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken! Das ist das erste und wichtigste Gebot. Ein weiteres ist genauso wichtig: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Alle anderen Gebote und alle Forderungen der Propheten gründen sich auf diese beiden Gebote.“ Matthäus 22,37-40.

Wow! Jesus legt in ein paar Sekunden die Ethik (den Leitstern, den Leitgedanken) der Gebote auf den Tisch. An einer anderen Stelle fasst Jesus die gesamte Botschaft der Propheten und des Gesetzes in einem Satz zusammen: „So wie ihr von den Menschen behandelt werden möchtet, so behandelt sie auch. Denn das ist die Botschaft des Gesetzes und der Propheten.“ Matthäus 7,12

Paulus, einer seiner Nachfolger, folgt ihm auch in diesem Prinzip nach: „Ihr kennt die Gebote: Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört. Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefasst: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.“ Römer 13,9-10

Wer die Ethik versteht, kann daraus die Moral ableiten. Wer das Übergeordnete versteht, bekommt einen anderen Blick auf das Untergeordnete. Augustinus, der Kirchenvater, hat das in allerkühnster Weise formuliert: „Liebe und tu, was du willst.“ Das heisst mit anderen Worten: „Tue das, was der Liebe entspricht.“ Daraus ergibt sich eine neue Fragestellung: Was entspricht der Liebe? Die Antwort auf diese Frage kann je nach Zeit, Kultur, Gesellschaft und Situation unterschiedlich aussehen.

Im Judentum vor hunderten von Jahren oder im Alten Testament hätte eine Frau nicht gewollt, dass man sie öffentlich anspricht. Hätte man das gemacht, hätte man sie gegrüsst oder hätte man mit ihr einen Schwatz gehalten, dann wäre das lieblos gewesen. Das macht man nicht. Wenn ich das heute mache, sie ignoriere, wäre das überhaupt nicht liebevoll.

Die Ethik, welche über allen Geboten steht, orientiert sich am Leben Jesu, wie er mit den Menschen umgegangen ist, an seinem Handeln, an seinem Heilen, an seinen Worten über die Liebe, über das Erbarmen, über die Güte, über die Vergebung oder wie Paulus die Liebe beschreibt im Hohelied der Liebe (1. Korinther 13). Das gibt uns schon eine klare Vorstellung, was Liebe ist. So gesehen ist die Liebe das wichtigste ethische Prinzip.

Hebräisches Denken

Gerechtigkeit ist im Hebräischen ein Beziehungsbegriff. Wenn Gott gerecht ist, heisst das vor allem, er ist treu. Die scholastische Theologie im frühen Mittelalter hatte damit ein Problem. Sie sagt: Gott ist gnädig, aber er ist auch gerecht. Der Hebräer schüttelt den Kopf und fragt: Wo soll denn da das Problem sein? Dass er gerecht ist, heisst doch, dass er gnädig ist!

Oder nehmen wir den Begriff der Wahrheit. Der Hebräer sagt: Wahrheit ist das, was eine Beziehung mit Liebe, Güte und Gerechtigkeit stützt. Wahrheit heisst eigentlich Treue. Wenn Gottes Wort wahr ist, dann heisst es nicht, dass es formal richtig ist. Was Gott sagt, wenn er wahr spricht, heisst, dass er treu ist. Er ist zuverlässig. Er hält das, was er spricht und tut.

Dietrich Bonhoeffer hat diesen Unterschied in seinem Denken aufgenommen und schreibt einen kleinen Aufsatz zum Thema: „Was heisst die Wahrheit sagen?“ Der Lehrer fragt den Schüler vor der ganzen Klasse: „Gell, das stimmt? Dein Vater ist ein Trinker!“ Wenn der Schüler eine formale Antwort gibt, die richtig ist, dann hätte er sagen müssen: Ja, mein Vater ist ein Trinker. Bonhoeffer sagt, damit hätte der Sohn die Beziehung zum Vater verletzt. Und das darf er nicht. Die Beziehung ist etwas so Kostbares, so etwas Heiliges, dass man nach aussen hin zu dieser Beziehung zuverlässig und treu zu stehen hat. Was macht der Schüler? Er steht vor den Lehrer hin und sagt: „Nein, mein Vater ist kein Trinker.“ Und Bonhoeffer sagt, dieser Schüler hat wahr gesprochen (treu zum Vater).

Wir sprechen von Lüge, wenn es formal nicht übereinstimmt. Aber niemand zwingt mich so zu denken. Bonhoeffer fragt hier auch: Was ist an der Geschichte und an der Frage des Lehrers falsch? Eine Schüler in der ganzen Öffentlichkeit so blosszustellen mit so einer Frage – das darf man einfach nicht, unter keinen Umständen. Wer das tut, hat kein Recht, eine richtige Antwort zu kriegen. Mit der Tatsache, dass er diese Situation provoziert, hat er jedes Recht darauf verloren. Das ist das Grundargument von Bonhoeffer.

Das Recht heisst: Die Beziehung hat diesen ganz grossen Stellenwert, dass man jemanden nicht beschämen darf – unter keinen Umständen. Das ist hebräisch: Die Beziehung zu schützen. Gott wird am Ende vom Menschen nichts erzählen, was richtig ist (da können wir lange darauf warten). Aber ich bin überzeugt, dass Gott wahr reden wird und Wahrheit heisst, er wird zu seiner Treue, die er uns versprochen hat, so zu uns stehen, dass diese Wahrheit ans Licht kommt. Das ist hebräisch. Ich bin froh, dass Gott hebräisch ist.

Richter und Retter

Wir brauchen einen Richter und einen Retter. Richten und Retten gehören zusammen und entspringen ein und derselben Liebe. Wir brauchen jemanden, der unser Leben ernsthaft nach der Liebe prüft und uns darin rettend (barmherzig) begegnet. Weil Jesus beides (Retter und Richter) in einer Person vereint, haben wir einen barmherzigen Richter. Er richtet gerade und er richtet auf.

Als Richter ist Jesus Retter und Erlöser. Romano Guardini schreibt: „Das Gericht ist deshalb nicht die Rache des beleidigten Gottessohnes und auch nicht sein persönlicher Triumph über seine Feinde. Im Gericht vollendet sich die Erlösung. Die Lehre vom Gericht ist also im Letzten eine Offenbarung Christi.“ Anders gesagt, im Gericht begegnen wir Jesus Christus. Das ist trotz allen Ernstes eine frohe Botschaft! Der Mensch wird im Gericht nicht einfach ‚irgendjemandem überlassen‘, der etwas heimzahlen möchte. Nein, das Gericht ist dem anvertraut, der die Schuld jedes Menschen auf sich genommen hat und zu uns spricht: „Liebet eure Feinde. Tut Gutes denen, die euch hassen.“

Mittwoch, 24. April 2019: Der ZDF-Korrespondent Normen Odenthal berichtet in den „heute-Nachrichten“ über die schrecklichen Attentate zu Ostern in Sri Lanka und wie ein Vater einer fünfköpfigen Familie dabei umkam. Der junge katholische Priester Manoj Fernando, der den ermordeten Vater beerdigt hatte, sagt in die ZDF-Kamera: „Es gibt viele, die Rache wollen. Aber das wollen wir nicht. Wir vergeben jedem. Und wenn da draussen jemand zuhört und mit den Tätern unter einer Decke steckt, trotz allem: Wir lieben euch!“

Glückliche Schuld …

Glückliche Schuld? Schuld kann doch nicht glücklich sein! Sie belastet, lähmt und senkt den Blick zu Boden. Schuld macht traurig, verzagt und sehnt sich nach Erlösung.

In der wichtigsten Feier im Jahreslauf, in der Osternacht, stimmt die Kirche ein Loblied an: „Glückliche Schuld … du hast deinen Erlöser gefunden!“ Da ist einer, der nimmt die Schuld auf sich, um andere zu ent-schuldigen. Da ist einer, der nimmt die Schuld von dort hinweg, wo sie tiefe Wunden schlägt und lässt sich dabei selber verwunden – bis zum Tod am Kreuz. Es ist eine „glückliche“ Schuld, weil sie einer solchen Erlösung würdig war.

Wenn ich das so sehen kann, dann wird es unfassbar leicht um mein Herz und eine unbeschreibliche Dankbarkeit steigt zum Himmel hinauf. Ich sehe, wie die Schuld wandert von mir zu Jesus. Nur deshalb ist es eine ‚glückliche Schuld‘, weil da jemand ist, der sich ihr annimmt, der sie aufnimmt, der sich auf sich nimmt, damit sie bei ihm zur Ruh kommt.

Und ich? Ich komme bei diesem Ereignis mit zur Ruh und stimme ein Loblied an: „Glückliche Schuld … du hast deinen Erlöser gefunden!“

Gott erinnert sich an alles …

Was löst dieser Satz bei dir aus?

(bitte einen Moment darüber nachsinnen)

Früher hätte dieser Satz bei mir primär Furcht ausgelöst: Nichts entgeht Gott! Heute löst er in mir Trost und Zuversicht aus: Nichts entgeht Gott! Im Alter von 21 Jahren hatte ich einen Traum … es fühlte sich auf jeden Fall so an. Doch es war mehr als ein Traum … es war ein ‚Film‘. Halbwach lag ich im Bett und mein bisheriges Leben zog – wie in einem Film – in Bildern an mir vorüber. Es tauchten Geschehnisse auf, die ich längst vergessen hatte – alles war aufgezeichnet … bis ins letzte Detail! Ich dachte mein Leben sei nun vorbei und ich sterbe. Es kam mir sogar vor, dass ich es ‚verdient‘ habe. In mir tobte ein inniger Kampf ums Überleben. Ich hörte mich immer wieder sagen: „Ich möchte leben, nicht sterben!“ Auf einmal erwachte ich – schweissgebadet und unermesslich erleichtert. Ich lebte! Ich konnte es kaum fassen. Da ist jemand, der will, dass ich lebe! Nichts entgeht Gott!

Wenn ich ein strafendes Gottesbild habe, dann löst dieser Satz pure Angst aus. Wenn ich ein Gottesbild vor Augen habe von einem Gott, der das Leben der Menschen unbedingt will, weil er sie geschaffen hat und unendlich liebt, dann löst dieser Satz Trost und Zuversicht aus. Aus Liebe ist unser Leben aufgezeichnet, weil da jemand ist, der an allem Anteil nimmt und dem nichts entgeht. Jede Ungerechtigkeit ist in seine Hände gebohrt, um sie zu vergeben und die Wunden zu heilen.

Wie ist das nur möglich? Nur durch eine unübertreffbare Solidarität Gottes mit den Menschen! Sie ist durch Jesus in radikalster Form sichtbar geworden. Gott erinnert sich an alles … weil ihm nichts zu unwichtig ist, was in deinem und meinem Leben geschehen ist, heute geschieht und morgen geschehen wird. Es ist ein Teil von IHM!

Hoffnung für alle?

Wie entsteht Glaube? Was hoffen wir? Wie viel vermag die Liebe?

Eine These: Der Glaube ist eine Wirkung der Liebe Gottes und macht der Hoffnung Platz, dass die unbedingte Liebe schlussendlich auch dort ihr Ziel erreicht, wo es nach menschlichem Ermessen unmöglich erscheint. Entsprechend den Worten von Jesus: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich!“

Wilfried Härle, evangelischer Theologe, schreibt dazu in seinem Buch ‚Dogmatik‘ (das Buch, die vierte Auflage, hat 745 Seiten – es lohnt sich also auch den Kontext zu lesen) 😉

„Liebe ist ihrem Wesen nach nicht gewalttätig oder nötigend. Wo die Liebe ihrem Wesen nach zur Geltung kommt, da lässt sie Raum – sogar für den schmerzlichen Widerstand, für die Verweigerung und Abkehr. Andererseits gibt es gar nichts Gewinnenderes als Liebe. Reine Liebe, d.h. göttliche Liebe – als Zuwendung zum geliebten Gegenüber um seines Bestes willen – ist letztendlich für das geliebte Gegenüber unwiderstehlich. Aber sie ist das nicht, weil sie zwingt oder unterwirft, sondern weil sie das Gegenüber gewinnt. Aber dies gilt nur ,letztendlich‘ – nicht automatisch und hier und jetzt. Man kann dieses ,letztendlich‘ in einem futurischen Sinn verstehen, und dann besagt es, dass schliesslich und endlich jeder Mensch sich von der göttlichen Erwählung erreichen, gewinnen und aus seiner Selbstverschlossenheit herauslieben lassen wird. Die Gewissheit der Unwiderstehlichkeit der göttlichen Erwählung ist nicht zu verwechseln mit Zwang, Nötigung oder Fremdbestimmung, sondern die zu denken ist als die innere Kraft und Ausstrahlung der göttlichen Liebe, die ihr Ziel erreicht, indem sie Menschen nicht besiegt, sondern (für die Liebe) gewinnt.“

Die erbarmende und rettende Liebe deckt alle Verfehlungen zu

Das Spezifikum der Vergebung besteht – bildhaft gesprochen – darin, dass der Vergebende zwar die Verletzung sieht und spürt, aber zugleich durch die Tat hindurch den Menschen ansieht und ihn von seinen Verfehlungen unterscheidet. Der Mensch, der vergibt, nimmt die Verfehlung nicht weniger ernst als der, der vergilt oder nachträgt, aber er unterscheidet zwischen der Verfehlung und dem, von dem sie ausging, und lässt die Beziehung zu dem Menschen für sich wichtiger sein als die Beziehung zu der Verfehlung.

Was geschieht mit der Verfehlung, die durch die Liebe zugedeckt und dadurch – verglichen mit der Person – als unwichtig bewertet wird?

Was sagt der christliche Glaube über den Kreuzestod Jesu Christi? Durch seinen Tod ist der Schuldbrief getilgt … und an das Kreuz geheftet. Er ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Mit diesen unterschiedlichen Bildern (es gibt noch mehr) wird jeweils metaphorisch ausgesagt, dass durch das Leiden und Sterben Jesu Christi die Sünde des Menschen nicht nur vorläufig zurückgestellt, sondern von Gott her endgültig überwunden wird, so dass sie den Menschen nicht mehr von Gott zu trennen vermag.

Im Leiden und Sterben Jesu Christi erweist sich die Liebe als diejenige alles bestimmende Wirklichkeit, die auch noch ihr eigenes Verleugnet- und Verratenwerden umfängt und es so – ohne es zu bagatellisieren – überwindet. Dabei ist es entscheidend, dass der mit Verleugnung und Verrat verbundene Schmerz nicht durch einen Akt der Vergeltung dem Sünder ,zurückgegeben‘ wird, sondern dass Gott in Jesus Christus diesen Schmerz in sich ,verarbeitet‘ und erleidet.

In diesem Sinne kann gesagt werden, dass Gott selbst, dessen Wesen Liebe ist, in Jesus Christus die Sünde der Welt (die letztlich immer Verfehlung der Liebe ist) auf sich nimmt, trägt, erduldet und auf diese Weise vergibt.

Gott leidet an jedem Leiden mit …

Weil Gott jeden Mensch liebt, trifft ihn jedes Leid! Jesus stellt sich voll und ganz auf die Seite der Opfer. Er solidarisiert sich mit ihnen wie kein anderer. An jedem einzelnen Leiden leidet Jesus mit!

Und wie steht Jesus zu den Tätern? Noch im Angesicht des Todes betet er für seine Feinde: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Ein solches Gebet kann nur jemand sprechen, der das Heil aller Menschen im Visier hat und im Herzen trägt. Er leidet an den (Un-)Taten der Täter und stellt sich gleichzeitig zu ihnen! Jesus bittet seinen himmlischen Vater den Tätern zu vergeben. Wird der Vater auf seine Bitte eingehen? Der Vater und der Sohn sind eins.

Die Vergebung ist der höchste Ausdruck von Barmherzigkeit, ohne die eine Versöhnung zwischen Täter und Opfer nie möglich wäre. Die Vergebung sieht im Täter ein Opfer des Bösen. Der Täter ist durch seine Taten belastet. Die Vergebung will den Täter entlasten, aber auch das Opfer. Auch das Opfer leidet, wenn es nicht vergeben kann. Zwei Drittel dessen, was Jesus gesagt hat, drehen sich um Vergebung. Vergebung hat nichts mit Logik zu tun, sondern mit Leiden an dem, was ungerecht ist, was scheitert und schmerzt.

Weil Jesus selber ganz von den Folgen des Bösen betroffen ist (als Unschuldiger leidet er am Bösen bis zum Tod am Kreuz), ist er glaubwürdig und kann mit der Autorität des Leidenden für eine Versöhnung werben. Er richtet die Opfer auf, er schafft ihnen Recht und bringt die Täter zurecht.

Jesus wischt sowohl die Tränen des Leides der Opfer ab als auch die Tränen der schmerzhaften Reue der Täter. Die Vergebung geschieht im Namen des auferweckten Gekreuzigten, der sich auf Golgatha mit allen rettend identifiziert hat.

Wenn wir in unser Leben hineinblicken, finden wir in uns beide: Den Täter und das Opfer. Beide sind von Gott geliebt, weil sie ein Teil unserer Biographie sind. In uns selber will Gott zuerst den Täter und das Opfer berühren und damit versöhnen – der Anfang des Friedens in mir und auf Erden. Für beide (Opfer und Täter) liegt die (Er-)Lösung in der sich erbarmenden und rettenden Liebe Gottes zu allen Menschen.

Wenn Gott in uns wohnt …

Wenn Gott durch Christus in uns wohnt, gibt es nichts, was nicht von ihm berührt wird. Dort ist in uns ein Raum, der dem Zutritt von Menschen verwehrt ist und wo der Lärm der Welt keinen Zutritt hat. Dieser Raum ist heilig, weil er von Gott bewohnt ist. Und dort, wo Gott in uns wohnt, können wir ganz uns selbst sein. Dort erkennen wir, wer wir sind. Dort kommen wir in Berührung mit dem Heiligen und Heilen in uns.

So wie Jesus im Bauch von Maria gewachsen ist, so wächst Christus in unserem Innern und verwandelt uns immer mehr in seine eigene Gestalt, in seine eigene Schönheit. Wenn Gott in mir geboren wird, komme ich in Berührung mit dem einmaligen Bild, das er sich von mir gemacht hat. Er bringt mich in Kontakt mit dem Ursprünglichen und Unverfälschten in mir, mit dem Glanz, den Gott jedem Menschen bei seiner Erschaffung zuteilt.

Gottesgeburt bedeutet auch, dass Gott alle meine seelischen und körperlichen Kräfte durchdringt und so immer mehr in mir Mensch wird. Mein Privileg besteht darin, das göttliche Leben durch mein Denken, Fühlen und Handeln zuzulassen und in die Welt zu spiegeln. Die Gottesgeburt in meiner Seele öffnet meine Augen dafür, Gott in der Welt als den eigentlichen Grund zu erkennen und mich in Gott eins zu fühlen. Gott hat durch Christus die ganze Welt mit sich versöhnt, so dass auch ich versöhnt in ihr und mit ihr leben kann. Wenn Gott in uns wohnt, wohnen wir nie mehr allein.