Verwandlung

Verwandlung unterscheidet sich von Veränderung. Bei einer Verwandlung geht es darum, dass es etwas so sehr in mir ist, so sehr inwendig ist, dass es mich im Innern erfüllt und nach aussen hin ausstrahlt. Jede Verwandlung wird Veränderung mit sich bringen, aber nicht jede Veränderung zieht eine Verwandlung nach sich.

Veränderungen wirken eher von aussen nach innen. Wenn ich an mir etwas verändern will, dann liegt dem ein Bild zugrunde, dass etwas an mir, etwas in mir nicht gut ist – und dass ich es deswegen verändern will und muss.

Verwandlung ist dagegen ein sanfter Prozess, der von innen nach aussen wirkt. Ich kann nur  verwandelt werden – ich kann mich nicht selbst verwandeln. Bei der Veränderung steht das Machen im Vordergrund, bei der Verwandlung ist mein aktiver Teil das Zulassen der Verwandlung, ein organischer Prozess, der etwas mit Wachsen zu tun hat.

Glaube will weniger unsere Veränderung als vielmehr unsere Verwandlung. Es geht um ein Zulassen statt um ein Machen. So sagt Jesus zu seinen Jüngern auch: ‘Bleibt in meiner Liebe!’ Es geht nicht darum, erst etwas zu tun, um von ihm geliebt zu werden, es geht nicht darum, sich erst in seine Liebe hineinzubegeben – wir sind längst in seiner Liebe aufgehoben. Wir brauchen nur darin zu bleiben, uns darum zu bemühen, nicht aus seiner Liebe herauszufallen.

Auf die Forderung, sich verändern zu sollen, reagieren Menschen oft (zu Recht) negativ und mit Trotz. Verwandlung, das ist immer nur Einladung, auf die man ‘Ja’ oder ‘Nein’ sagen kann. Glaube will die Verwandlung unserer selbst, das Eigentliche in mir soll werden, soll wachsen. Gott tut das Eigentliche an mir in seiner Liebe und durch seine Liebe. Liebe verklärt und verwandelt. So wie Gott mich geträumt hat, soll und darf ich sein.

Verlassenheit

‘Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?’, hat Jesus am Kreuz im Leiden, im Sterben zu seinem Vater im Himmel gebetet. In Jesus Christus stellt sich Gott auf die Seite der Menschen, die verlassen, verloren sind, unter ihrer Einsamkeit leiden und zugrunde gehen. Er breitet seine Arme aus und umfängt die dunkelsten, einsamsten Menschenorte.

In Jesus dem Verlassenen hat sich Gott alles Leid, allen Schmerz, jedes Sterben zu eigen gemacht. Nicht nur das Menschsein hat Gott sich zu eigen gemacht, sondern auch alles Lebenshindernde und Lebensfeindliche. Jesus nahm nicht nur die Sünde (Gottlosigkeit) auf sich, er wurde zur Sünde gemacht, er wurde gottlos, damit alle Sünde, alle Gottlosigkeit in ihm ein Ende findet. Jesus der Verlassene ist der Berührungspunkt mit jedem Menschen und der ‘Bräutigam des letzten Sünders’. Er ist die ‘schiefe Ebene’, die zu jedem Menschen führt, in welchen Tiefen er sich auch befindet.

Die Präsenz Gottes kommt durch Jesus dem Verlassenen in alles Verlassene und Verlorene hinein und bekleidet es mit dem Mantel seiner Liebe. Jesus wird in dem Verlassenen ‘Gott alles in allem.’ So gibt es keinen Ort mehr auf dieser Welt, wo Gott nicht ist. Er ist der immer und überall Seiende.

Gottes Reich

Wenn ich am Morgen aus dem Fenster schaue, dann sehe ich einen grossen Baum, der auch im Winter seine Blätter trägt. Ich sehe zwei Vögel, die jeden Morgen kommen und zuoberst auf einem Ast sitzen.

Dieser Blick erinnert mich an das Gleichnis vom Senfkorn. Jesus sagte: ‘Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern. Sobald es aber hochgewachsen ist, ist es grösser als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.’

Das Reich Gottes beginnt unscheinbar wie ein Senfkorn. Doch es wächst und wird zu einem Baum, an dem die Vögel sich freuen und ihr Zuhause finden. Das ist ein wunderschönes Bild für das Reich Gottes, wie es jeden Tag wächst und es nimmt die Worte Jesu auf, wo er sagt: ‘Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Ich gehe euch voraus, um euch eine Wohnung zu bereiten.’

Reich Gottes bedeutet Wohnen. Sicher wohnen. Zu Hause sein. Geborgen sein. Gehalten sein. Ewig von Gott umgeben sein.  

Die Vision Jesu

,Unser Vater im Himmel, dein Reich komme!’ Ein Reich in den Händen eines liebevollen, zärtlichen Vaters. Jesus spricht vor Gott aus, was er sich für diese Welt ersehnt: Die Menschen entdecken und erfahren Gott als ein Abba (= Zärtlichkeitsform von Vater) und die Charaktereigenschaften dieses Gottes, welche in jedem Menschen als sein Abbild angelegt sind, erwachen immer mehr zum Leben. So kommt und erfüllt sich sein Reich. Das ist die grosse Vision, das grosse Herzensanliegen Jesu für eine geschundene, von Vorurteilen, Verurteilungen und von Gewalt gequälte Welt. Einmal wird Gottes Reich in vollendeter Gestalt sichtbar sein. Dann wird keine Minderwertigkeit, kein Leid, kein Geschrei, kein Tod mehr sein. Dann wird Friede sein, Liebe ohne Unterlass, Freude und Staunen ohne Ende. Jesus spricht das aus vor seinem Abba-Gott, weil er darin ganz mit ihm eins ist und gleichzeitig gibt er dieses Gebet an seine Freunde weiter und macht sie dadurch zu Teilhabenden und Anteilgebenden dieses Reiches.   

Unterdrücken oder ausdrücken

Im ersten Kapitel des Evangeliums nach Johannes heisst es: ‘Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden. In ihm war das Leben. Und das Wort ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.’

Gott hat sich durch Jesus Christus ausgedrückt und wir haben empfangen, Gnade um Gnade. Er hat auch uns ausdrucksvoll geschaffen. Wie wunderbar für alles, was ausgedrückt wird, für alles, was den Raum des Herzens verlässt und das Licht der Welt erblickt. Die Welt braucht Orte, wo alles ans Licht kommen darf, Freud und Leid. Orte, wo man sich nicht genieren muss, sondern wo Worte gut aufgehoben sind, aufgenommen und umschlungen werden. Daraus kann neues Leben entstehen. Da wird Leben gestaltet und der Mensch nimmt neue Gestalt an.

Durch und durch erkannt und geliebt

Gott schaut dich, wer immer du seist, so wie du bist, persönlich. Er ruft dich bei deinem Namen. Er sieht dich und versteht dich, wie er dich schuf. Er weiss, was in dir ist, all dein Fühlen und Denken, deine Anlagen und Wünsche, deine Stärke und deine Schwäche. Er sieht dich an deinem Tag der Freude und an deinem Tag der Trauer. Er fühlt mit deinen Hoffnungen und Prüfungen. Er nimmt Anteil an deinen Ängsten und Erinnerungen, an allem Aufstieg und Abfall deines Geistes. Er umfängt dich rings und trägt dich mit seinen Armen. Er liest in deinen Gesichtszügen, ob sie lächeln oder Tränen tragen, ob sie blühen in Gesundheit oder welken in Krankheit. Er schaut zärtlich auf deine Hände und deine Füsse. Er horcht auf deine Stimme, das Klopfen deines Herzens, selbst auf deinen Atem. Du liebst dich nicht mehr als er dich liebt.

John Henry Newman, Kirchenlehrer und Kardinal

Vertrauen in „Störungen“

Sich in lebendigem Vertrauen zu üben, heisst, in manchen „Störungen“, einen Adler zu erkennen, der seine Jungen stört, um sie fliegen zu lernen. Im Buch Mose lesen wir: „Wie ein Adler, der seine Brut aufstört zum Flug und über seinen Jungen schwebt, so breitet Gott seine Flügel aus, nimmt uns und trägt uns auf seinen Schwingen.“ Die Adlerjungen werden nicht aus dem Nest geworfen, um abzustürzen, sondern weil sie anders nicht fliegen lernen. Wir werden aufgestört, um unsere Flugfedern zu entfalten, um also gerade in Störungen zu begreifen, wozu wir eigentlich berufen sind.

Wo habe ich eine Störung erlebt, die ich mit meiner Berufung verknüpfen kann? Wo stehe ich heute in meiner Berufungsgeschichte? Was hat sich erfüllt? Wonach sehne ich mich weiter?

Wie im Himmel so auf Erden

Die Erde ist randvoll mit Himmel (sagte eine Dichterin im 19. Jahrhundert).

Der Himmel ist ein Bild von Gottes Gegenwart. Da ist es tröstlich, dass über uns der Himmel ist. Die Wolken sind ,darunter‘. Wenn sie in dichten und dunklen Formationen daherkommen, machen sie es uns nicht leicht den Himmel zu sehen. Sie können den Blick auf den Himmel trüben, aber nie den Himmel wegnehmen. Doch am Ende müssen alle Wolken wegziehen und dem Himmelblau Platz machen, damit das Reich Gottes durch nichts mehr aufgehalten und gestört werden kann.

Jesus trägt uns im ‚Vaterunser‘ auf zu unserem Vater im Himmel zu beten: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Da spüren wir die tiefe Sehnsucht Jesu, dass alles – im Himmel und auf Erden – erfüllt werde mit der Herrlichkeit Gottes. In diesem Gebet teilt er mit uns diese Vision, diese Lebenssehnsucht. Sehnsucht wird im Wörterbuch als „inniges, schmerzliches Verlangen“ umschrieben. Die Sehnsucht verschwindet, wenn sich das Leben vollendet, wenn das Leben voll endet und damit gefüllt beginnt. Die Erde ist randvoll mit Himmel.

Irritiert fasziniert

Katharina von Siena, eine italienische Kirchenlehrerin im 14. Jh., war so fasziniert von der Liebe Gottes, dass sie folgendes Gebet gesprochen hat, welches wir heute im Kirchengesang finden. Es trägt den eigenartigen Titel: Du Narr aus Liebe.

‘Gott, du Feuer und Abgrund der Liebe, du Narr aus Liebe, brauchst du denn dein Geschöpf? Du benimmst dich, als ob du ohne dein Geschöpf nicht mehr leben könntest. Dabei bist du doch das Leben, von dem alles Leben hat. Warum also bist du deinem Geschöpf so närrisch zugetan?’

Närrisch kann man übersetzen mit ‘übermässig und unvernünftig’. Als würde Katharina  sagen und Gott fragen: Wie kannst du den Menschen nur so sehr, so übermässig und  unvernünftig lieben? Was hast du dir dabei gedacht? Was ist dein Grund? Was haben wir Menschen getan, dass du das tust?

Die Antwort liegt darin, dass wir eben nichts getan haben, sondern dass Gott getan hat. Er hat uns geschaffen, er hat uns gewollt, er hat uns zu seinem Ebenbild gemacht, ihm sind wir als Original ähnlich, darum kann er nicht anders als seine Geschöpfe lieben, wie eine liebende Mutter und ein liebender Vater nicht anders können, als ihre Kinder lieben … in jedem Fall, bedingungslos, übermässig oder eben närrisch. 

Vaterunser

Jesus hat sein Gebet nicht mit ‘Bitte, bitte, lieber Gott, gib doch, mach doch, tu doch, lass doch …!’ begonnen. In seiner Spiritualität hat Gott nicht die Funktion eines Nothelfers. Gott ist für ihn der grosse Wert, der grosse Inhalt seines Lebens, er ist sein ,himmlischer’ Lebensgefährte in guten und in bösen Tagen. Nicht die Not lehrt ihn beten, sondern die Begeisterung darüber, dass das Dasein von Gott – von einem solchen Gott! – getragen ist. ‘Abba (vertraute, kindliche Anredeform von Vater), du bist ganz wunderbar, ganz herrlich!’ – ist das ‘religiöse Grundgefühl’ in seinem Herzen. Das ist es, was er seinem Gott zuallererst sagen will, wenn er zu ihm betet. Und dieses Grundgefühl muss er auch Gott, seinem Abba wünschen: diese Freude, diese Glückseligkeit, dieses Erfüllt-Sein, diese heile-heilige Herrlichkeit.

Aus dem Buch: Das Vaterunser von Reinhard Körner