Wenn der Himmel sich öffnet…

oder wenn Gottes Herz schlägt

Es war einmal ein weiser Rabbi, zu dem kamen viele Menschen, um ihn um Rat zu fragen. Sie kamen mit den unterschiedlichsten Problemen und Anliegen zu ihm. Für alle hatte er ein Wort und er hatte für jeden Menschen einen weisen Rat. Er sprach lange zu ihnen, machte ihnen Mut durch seine Worte, stärkte sie für ihren Weg und am Ende segnete er sie. Mit der Zeit jedoch wurden seine Reden kürzer. Er sprach nur noch wenig, manchmal nur ein einziges Wort – und er segnete sie.

Eines Tages geschah es allerdings, dass er gar nicht mehr sprechen konnte, denn er war stumm geworden. Dennoch kamen alle Leute weiter zu ihm und suchten seine Nähe. Nun, wo er nicht mehr sprechen konnte, hörte er den Menschen einfach zu, die zu ihm kamen und weinten und klagten, seufzten und stöhnten unter der Last ihres Lebens. Sie vertrauten ihm ihre Sorgen, Probleme und Nöte an. Der weise Rabbi schenkte ihnen sein Ohr und hörte ihnen zu, denn er war ein guter Zuhörer. Am Ende segnete er sie.

Eines Tages geschah es, dass seine Ohren taub wurden. Er konnte nicht mehr hören. Aber auch das hinderte die Menschen nicht daran, weiter zu ihm zu kommen. Der weise Rabbi konnte ihnen weder ein Wort mit auf den Weg geben noch ihnen sein Ohr schenken, dennoch kamen die Menschen zu ihm. Was konnte der Rabbi nun noch für sie tun? Was hatte er ihnen zu geben? – Er sah die Menschen an mit seinem gütigen, liebevollen Blick – und er segnete sie.

Eines Tages geschah es, dass seine Augen blind wurden. Auch wenn er die Menschen nicht mehr sehen konnte, kamen sie dennoch weiter zu ihm. Und es kamen sogar immer mehr und sie kamen und kamen. Stumm, taub, blind war er nun. Der weise Rabbi konnte zu den Menschen nicht mehr sprechen, ihnen nicht mehr zuhören und sie nicht mehr ansehen – aber er segnete sie.

Eines Tages konnte er auch nicht mehr segnen. Nun, wo er doch scheinbar nichts mehr zu geben hatte, liessen da die Menschen wohl von ihm ab und suchten nicht mehr seine Nähe? Was hatte der weise Rabbi den Menschen noch zu geben, nun, wo er stumm und taub und blind geworden war und sie nicht einmal mehr segnen konnte? – Die Menschen jedoch kamen und kamen und kamen – und sie legten ihr Ohr an sein Herz.

Frei nacherzählt von Dominikus Lankes Ocarm

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